Dissertationsprojekt:

»Möglichkeitsbändigungen in der reflexiven Moderne. Kontingenzsemantiken im Diskurs der Gentechnologie.«

Die klassische (Industrie-)Moderne ist als Auslaufmodell anzusehen. Die Eigendynamik selbstentfesselter Nebenfolgen zwingt die Gesellschaft zur Reflexion ihrer konstitutiven Grundlagen. Ihre Prozeduren und Routinen, die erprobten Unterscheidungen und Kategorien haben den Status der Selbstverständlichkeit eingebüßt und werden fragwürdig.

Unsicherheit und Uneindeutigkeit sind – so eine der gängigen Thesen der Sozialwissenschaft - in die Gesellschaft zurückgekehrt: zwischen Wissen und Nicht-Wissen kann selbst unter Rekurs auf die Autorität institutionalisierter Expertise immer häufiger nicht trennscharf unterschieden werden. Was uns also bevorsteht – so ließe sich Hannah Arendt paraphrasierend formulieren –  ist die Aussicht auf eine Wissensgesellschaft, der das Wissen ausgegangen ist. Was könnte verhängnisvoller sein?  

Neu (und damit potentiell institutionensprengend) ist, daß das Wissen immer sicht- und unabweisbarer den Index des Konjunktivischen trägt; Wissen ist und wird erkennbar kontingent. Gewiß erscheint indes nur, daß die solcherart dem Prozeß der Selbsttransformation unterworfene Moderne sich nunmehr einem komplexen Möglichkeitshorizont gegenübersieht, den sie sich zwar just durch Ausweitung ihrer technologischen Fertigkeiten selbst eröffnet hat, zu dessen Bewältigung ihr allerdings keineswegs immer angemessene Mittel zur Verfügung stehen. Oder anders formuliert: wenn sich Nebenfolgen gehäuft einstellen, kommt die Gesellschaft kaum umhin, sich damit auseinanderzusetzen, daß ihre basale Funktionslogik (nämlich Wirklichkeit mit rationalen Mitteln, Routinen und Institutionen sicherzustellen) der Figur einer ‚konditionierten Co-Produktion’ gehorcht. Denn jede (technologische) Möglichkeitserweiterung operiert in einem (Handlungs-)Horizont möglicher Abwandlungen.

Genau an diesem Punkt bietet es sich an, Überlegungen hinsichtlich der Bedeutung und des Stellenwerts von Kontingenzsemantiken innerhalb der (reflexiven) Moderne anzuschließen. Die Theorie reflexiver Modernisierung behauptet eine Entselbstverständlichung der (diskursiven) Prozeduren der Erzeugung, Prüfung und Anwendung von Wissen. Im Kern resultiert dieser Umstand aus der kontingenten Struktur von Wissen und Handeln: alles Wissen steht unter dem Vorbehalt des Irrtums (insofern die Möglichkeit anderen und v.a. angemesseneren Wissens besteht), alles Handeln steht unter dem Vorbehalt der Dysfunktionalität (insofern nicht gewußte Nebenfolgen die intendierten Effekte konterkarieren oder sich gänzlich andere Effekte ergeben können, deren Möglichkeit nicht im Entscheidungsprozeß bedacht werden konnte).

Von soziologischem Interesse dabei ist, in welchem Umfang sich die jeweiligen Akteure bzw. die Gesellschaft als Ganze, sich der bezeichneten Kontingenz bewußt sind bzw. bewußt sein können. Die Fragestellung lautet also, ob und wie die Möglichkeit anderer Möglichkeiten auf verschiedenen Diskursebenen (v.a. wissenschaftlicher Spezialdiskurs, daneben Öffentlichkeit und Politik) thematisiert und gegebenenfalls anschlußfähig wird. Ob also Nebenfolgen tatsächlich rezipiert werden und wie sie diskursive Rekonfigurationen im Bereich der epistemischen Strukturen von Wissenschaft und Gesellschaft anzustoßen in der Lage sind.

Dies soll exemplarisch anhand einer Analyse des diskursiven Feldes der humanen Gentechnologien überprüft und erörtert werden, wobei der Fokus der Untersuchung auf Thematisierungsmomente von ‚Kontingenz’ gerichtet werden soll, da die Einnahme der Kontingenzperspektive in besonderem Maße geeignet erscheint, Prozesse des Umgangs mit Wissen und Technik in den Blick zu nehmen.  

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