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Der hier zugrunde gelegte Kontingenzbegriff bezieht sich (in der Tradition von Aristoteles bis hin zu Luhmann) sowohl auf Gegebenes, als auch auf Erwartetes im Horizont möglicher Abwandlungen. Als begrifflich-heuristisches Instrumentarium liegt er somit quer zu den eingeschliffenen Routinen der Wahrnehmung und verspricht gerade dadurch im Hinblick auf eine Diskursanalyse höchstmögliche Gegenstandsadäquanz; zugleich erlaubt er eine Fokussierung auf innerhalb des Diskurses anzutreffende Reflexions- und Thematisierungsmuster von Uneindeutigkeit, Unordnung und Ambivalenz, oder anders formuliert: auf Unschärfen des Wissens. In modernisierungstheoretischer Hinsicht eröffnet die Einnahme der Kontingenzperspektive zum einen den Blick auf alle Sachverhalte, deren So-Sein nicht als strikte Notwendigkeit beschrieben werden kann, zum anderen auf den soziologisch überaus spannenden Prozeß der (diskursiven) Erweiterung und Begrenzung von Handlungs(spiel-)räumen. Diese Figur der gleichzeitigen Optionssteigerung- und Begrenzung wäre – so der vorläufige Verdacht – als spezifische Funktion technologischer Diskurse zu betrachten. Denn die Konstitutions- und Akzeptabilitätsbedingungen von technologisch handlungs- relevantem Wissen werden, wie man seit den Arbeiten Michel Foucaults wissen kann, diskursiv hergestellt. Die meiner Arbeit zugrunde liegende Annahme lautet also, daß (sobald Gesellschaft und Zukunft als prinzipiell veränderbar gelten dürfen) sich jede Gegenwart mit einer Vielzahl von Handlungsalternativen konfrontiert sieht. Wobei jeder Wissenszuwachs und jede neue Technik zwar den Handlungs- und Gestaltungsraum erweitert, allerdings gleichzeitig die Institutionalisierung von Arrangements mit dieser Optionsvielfalt umzugehen und sie zu begrenzen notwendig macht. Diese funktionalen Rahmungen von Technik (die als konstitutiv für Implementation und Funktionieren angesehen werden müssen) können als ‚Möglichkeitsbändigungen’ beschrieben werden. Womit zugleich jene dilemmatische Grundbedingtheit von Modernisierung benannt wäre: denn ihre Kraft und Dynamik verdankt sie ihrer Fähigkeit, die Wirklichkeit in und durch (technologisches) Handeln kontingent zu setzen. Doch genau diese Kontingenz gilt es stets zu zügeln. Die moderne Gretchenfrage – ‚Wie hältst Du es mit der Kontingenz?’ – stellt sich jedenfalls für eine ‚Zweite Moderne’ neu. Neu und möglicherweise institutionensprengend sind – so die Hypothese Ulrich Becks – die wahrgenommenen Nebenfolgen. Als Irritationsmoment nötigen sie zur Reflexion und führen vor Augen, daß die etablierten Antwortroutinen der ‚Ersten Moderne’ nicht länger hinreichen. Das Projekt einer (Zweiten) Moderne steht und fällt jedoch mit ihrer Fähigkeit, die sich stets ausweitenden Möglichkeiten zu bändigen. Und das kann nur diskursiv geschehen. Eine für diese Zusammenhänge sensibilisierte Diskursanalyse ist folglich das adäquate Instrument, um die Transformationen und Neustrukturierungen der diskursiven Praxen im Umgang mit Kontingenz nachzuzeichnen. Die Konturen von diskursiven Kontingenzbearbeitungsmodi einer ‚Zweiten Moderne’ zu identifizieren und herauszuarbeiten, ist somit eines der beiden angestrebten Hauptziele meiner Arbeit. Insgesamt verfolgt die Untersuchung zweierlei Absichten: zunächst aufzuzeigen, in welchem Sinne die Kontingenzbegrifflichkeit für ein tatsächlich soziologisch gehaltvolles Technikverständnis fruchtbar gemacht werden kann. Damit verbunden ist die Intention, die konstitutive Bedeutung von Kontingenz für spezifisch moderne Prozesse der technologisch angeleiteten Domestizierung von Welt und Wirklichkeit, aufzuweisen; daran anschließend (nachdem also Kontingenztopoi und –muster präzisiert sind) soll zweitens eine Kontrastierung des humangenetischen Diskurses mit einem exemplarischen Technologiediskurs der Ersten Moderne erfolgen. Diese vergleichende Diskursanalyse verspricht Aufklärung darüber, in welcher Weise sich die Koordinaten technologischen Wissens und Handelns unter Bedingungen einer Zweiten Moderne verschieben und möglicherweise restrukturiert werden. Wobei besonderes Augenmerk just auf Reflexion, Thematisierung und Bearbeitung von fragilen Wissensbeständen gerichtet ist: es sind die Grenzbereiche des jeweils als gesichert geltenden Wissens innerhalb der 'roten Gentechnologie', in denen Kontingenz siedelt. Ob und in welcher Weise sich hierbei (abhängig von Disziplin-/ und Diskurskontexten) verschiedene Kulturen des Umgangs mit Nichtwissen anzutreffen sind, ist dabei eine der spannenden Fragen. In ihrem Kern zielt die Analyse dabei (da sie eben auf die epistemologische Dimension fokussiert und nicht Gefahr läuft sich in den Fallstricken der ethischen Debatten zu verfangen) auf eine Überprüfung des Nebenfolgentheorems der Theorie reflexiver Modernisierung. Die Indizien, daß die wissenschaftlichen, politischen und öffentlichen Diskurse ihre kontingenzabsorbierende Kraft zumindest teilweise eingebüßt haben, liegen vor. Welche Mechanismen hinter diesen Veränderungen stecken, welche Strukturen es dennoch so lange und so erfolgreich erlaubten, Kontingenz diskursiv zu ‚bändigen’ – diesen Fragen soll innerhalb der Untersuchung nachgegangen werden. Es geht also um die Klärung der Frage nach derjenigen ‚Ordnung des Diskurses’, die bisher jene produktive Justierung von Kontingenz ermöglicht hat, die aber nunmehr vermeintlich in die Krise geraten scheint. Die Diskursanalyse selbst zielt darauf ab, zu erörtern, in welchem Sinne das Feld technologischen Handelns in besonderem Maße als ‚kontingenzkontaminiert’ anzusehen ist und die Diskurse als Instrumente der ‚Möglichkeitsbändigung’ beschrieben werden können. Am Ende müsste sich die spezifische Antwort des ‚Diskurses Gentechnik’ auf selbsterzeugte Handlungskontingenz (was mehr meint als ‚Umgang mit Unsicherheit’) präzisieren lassen. Eine der weiterführenden Fragen lautete schließlich, ob die Wissensformation einer reflexiven Moderne in der Lage ist, möglicherweise Kontingenz zu integrieren und ob sie sich insofern als lernfähig erwiese. |